STUFEN

 

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In neue, andre Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,

Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen.

Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,

Des Lebens Ruf an uns kann niemals enden
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

                                                                                                                                                                                       Hermann Hesse

Dieses Gedicht Hermann Hesses atmet zutiefst freimaurerischen Geist, obwohl er kein Mitglied gewesen sein dürfte. In der Loge ist jeder Grad, jede Stufe Berufung zu erweiterter Erkenntnis und Arbeit an sich selbst, und eingeschlossen in diesen Lebens- und Erkenntniskreis ist auch der endgültige Abschied, der Tod, der auch als Stufe gesehen wird.

               Aus: Appel, R.; Oberheide, J. (Hrsg.): Weisheit, Stärke, Schönheit.

                                                                           Graz, 1998, S. 47