Beitrag in der OVZ vom 28. März 2017

 

 

 

 

OVZ20170328

Quelle: Osterländer Volkszeitung vom 28.03.2017

Die persönlichen Worte von Klaus Kirst (Posaune) und Bandleader

Jazz und Freimaurerei

Dass zahlreiche Jazzmusiker, vorwiegend Afroamerikaner, Mitglieder von Logen in den USA waren
und sind, hat seinen Ursprung in der Gründung einer ersten Loge in Boston.

Am 6. März 1775 gründete der ehemalige Sklave Prince dort eine Loge, die ausschließlich
Amerikanern mit afrikanischen Wurzeln vorbehalten war. Danach kam es landesweit zu weiteren
Logengründungen für Afroamerikaner. Erst in den letzten Jahren durften auch Weiße eintreten,
allerdings in gesonderten Bruderschaften, es gibt keine Vermischung.

Die freimaurerischen Grundprinzipien Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität
dürften viele Jazzmusiker zu ihrem Eintritt bewogen haben.

1958 schreibt der deutsche Jazzkritiker Siegfried Schmidt-Joos in einem Artikel für die Zeitschrift
„Schlagzeug“ einen noch heute gültigen Beitrag zur Charakteristik des Jazz:

„In der Gleichzeitigkeit von individueller Freiheit (Soloimprovisation) und kollektiver Bezogenheit
(Ensemblespiel) des Jazz liegt ein soziales Modell. Jazz ist das Spiegelbild einer Welt des guten
Willens, der Freiheit und der Toleranz. Angesichts der vielen Totalitarismen unserer Zeit ist Jazz eine
Musik des Protestes. Er protestiert gegen geistige Bevormundung und jegliche Art von
Unterdrückung, gegen Intoleranz und Schematismus, gegen soziale und rassische Diskriminierung
und gegen die Bürokratie. Ich glaube, dass die Faszination des Jazz zu einem Teil darin liegt, dass in
ihm die offene, undogmatische, bewegliche und zugleich skeptische Lebenseinstellung der jungen
Generation ihren gültigen künstlerischen Ausdruck gefunden hat. Jazz ist mehr als eine Musik. Jazz ist
auch eine Art, zu sein.“

Bruder Juvenal, der 1969 aus Burundi nach Frankreich kam und später in der Schweiz von 1993-1996
als erster Schwarzer Meister vom Stuhl in der Loge „La Tolerance“ war, sagt in einem Interview zum
Jazz folgendes:

„Ich liebe seine Emotionalität und Spiritualität. Zudem sehe ich seine Wurzeln im Gospel, also in der
Musik der schwarzen Sklaven mit deren Schmerz und deren Hoffnungen. Vom Gospel kann man
übergehen zum Blues mit seinen von den schwarzen Sklaven gesungenen „blue notes“, welche die
Harmonie leicht destabilisieren und diesen Musikstil stark prägen. Die „blue notes“ waren Ausdruck
ihres Leids.“

Neben den freimaurerischen Tugenden war sicher auch die Spiritualität der Grund, weshalb
Jazzmusiker in eine Loge eintraten. Aus der langen Liste von Namen seien nur einige der
bekanntesten hier erwähnt.

Louis Armstrong, Duke Ellington, Count Basie, William Christopher Handy, Oscar Peterson, Thomas
„Fats“ Waller, Ray CharIes, Lionel Hampton und viele andere, darunter auch Billie Holiday und
Josephine Baker in Frauenlogen.

Ich habe nicht viel Material zu diesem Thema finden können und sehe hier ein Feld für weitere
Entdeckungen.

Klaus Kirst

Quellen: Schmidt-Joos, S.: Die Stasi swingt nicht Ein Jazzfan im Kalten Krieg
Mitteldeutscher Verlag, Halle/S. 2016

Müller, Th.: Vom Gospel zur Prince Hall Interview mit Bruder Juvenal in:
alpina, Schweizerisches Freimaurermagazin , Bern 06-07/2015